Hoffnungsvolle Feiertage

Gedanken am 24. Dezember 2021

»Kott sünd nu de Dooch un de Nacht­en lang, Haart und Seel sünd öf schwoor un kolt.
Doch en helle Stirn, de so kloor un blank, wiest de Wech rut ut Angst un Noot!«

Das Gemüse ist im Ofen, der Tisch ist gedeckt, die Geschenke liegen unter dem Treib­holzbaum. Im Hin­ter­grund laufen amerikanis­che Wei­h­nacht­sklas­sik­er abwech­sel­nd mit Liedern aus bekan­nten dänis­chen Kalen­der­se­rien. Wir haben Nis Puk Reis­grütze hin- und unseren Wein kalt­gestellt. Die Lieder­hefte mit dänis­chen, friesis­chen, deutschen, englis­chen Liedern und den ganz beson­deren selb­stgedichteten plattdeutschen Tex­ten meines Vaters liegen bere­it, die Nis­se­hue sitzt. Bald wer­den wir um den Baum tanzen und zulet­zt ren­nen, bis wir keine Luft mehr kriegen und auf den Boden purzeln. Ich scrolle durch meine Time­line und sehe lauter Grüße von fre­undlichen Men­schen. Draußen liegt noch etwas Schnee, die Glock­en läuten. Es ist so friedlich und freudig.

Doch der Schein trügt, denn auch in der Wei­h­nacht­szeit har­ren die Men­schen ohne Hoff­nung an den Außen­gren­zen der EU. Und selb­st über die Feiertage ver­sprühen rechte Kräfte Hass. So fordert die Vor­sitzende der dänis­chen Volkspartei alle Jahre wieder, mus­lim­is­che Fam­i­lien vom Jule­hjælp, einem Unter­stützungsange­bot für Fam­i­lien mit niedrigem Einkom­men, auszuschließen. Und sie ist nicht die Einzige, die zün­delt. Solche men­schen­feindliche Rhetorik ver­bre­it­et sich lei­der auf bei­den Seit­en der Gren­ze. Daher dür­fen wir uns nicht wun­dern, dass in Deutsch­land von 2015 bis 2019 mehr als 11.000 ras­sis­tis­che Über­griffe und Anschläge gegen Geflüchtete verze­ich­net wor­den sind – davon 284 Bran­dan­schläge und 1.981 Kör­per­ver­let­zun­gen. Im Jahr 2020 allein sind mehr als 1.600 Angriffe gegen Geflüchtete verze­ich­net wor­den. Und solange wir keinen echt­en poli­tis­chen Par­a­dig­men­wech­sel im Umgang mit dem The­ma Flucht erleben, wird die ras­sis­tis­che und aus­gren­zende Hal­tung der europäis­chen Staat­en auch im All­t­ag Nachah­mung find­en.

Seit Jahrtausende feiern Men­schen in unseren Gefilden die Tage, an denen die Nächte kürz­er wer­den als Zeichen der Hoff­nung auf bessere Zeit­en. Auch die Wei­h­nachts­geschichte ist die fro­he Botschaft der Liebe, Hoff­nung und Zuver­sicht. Sie ist gle­ichzeit­ig ein Bericht von Vertrei­bung, Ver­fol­gung und Flucht. Das heutige Fest dient nicht dazu, die Augen vor dem Elend der Welt zu ver­schließen. Wir dür­fen und müssen genau hin­schauen. Und trotz­dem Abende wie diese nutzen, um Kraft dafür zu schöpfen, weit­er zu stre­it­en für eine fre­undlichere, nach­haltigere und gerechtere Welt.

Egal, wer du bist und wie du die Feiertage ver­bringst, ich wün­sche dir eine hoff­nungsvolle Zeit!